Archive for Februar, 2007

radio eins

Dienstag, Februar 13th, 2007

Marlene-Dietrich-Allee 20 20, 14482 Potsdam

2 von 5 Punkten

Oh, oh, seid gewarnt, und sei auch Du gewarnt, geschätzte writingwoman: jetzt kommt eine Klage.

Meine Geschichte mit Radio Eins hatte so einen schlechten Start, daß man es diesem Programm vielleicht selbst gar nicht anlasten kann, und daß ich so was von gar nicht objektiv bin — ich weiß, ich weiß. Ich tu’s trotzdem.

Vor einigen Jahren gab es mal “Radio Brandenburg”. Auf das wurde ich als damaliger SFB-2-Hörer mal gestoßen wegen Lutz Bertram und dessen Sendung “Auftakt”. Mit Lutz Bertram will ich aber jetzt nicht anfangen, sonst werde ich damit heute nicht fertig. Auch ohne ihn wird’s lang.

Der “Auftakt”, diese hervorragende politische Sendung, hat jedenfalls bewirkt, daß ich bei Radio Brandenburg hängenblieb, nicht nur morgens zwischen 6 und 10, sondern, weil ich grundsätzlich ein fauler Mensch bin, der nicht einfach mal so das Radio umschaltet, den ganzen Tag.

Ich war begeistert von der Art, wie da Leute Radio machten – undogmatisch, intelligent, kompetent, mit offensichtlich unglaublich Spaß an der Sache und anscheinend wenig Vorgaben “von oben”. Eine Musikrichtung schien auch nicht vorgegeben, es gab alles, von der Klassik über Jazz bis zur Popmusik, auch mal, wenn die Begeisterung der Musikredaktion überschwappte, wochenlang nachmittags die “Fabulösen Thekenschlampen”, großartig! In Clemens Goldbergs Sendung “Goldberg-Variationen” – ein Titel, der hohe Erwartungen weckte, aber auch erfüllte – habe ich zum Beispiel gelernt, eine der vier höchst kompetent vorgestellten Fassungen der Bachschen Violinpartiten als die mir eindeutig am besten gefallende zu erkennen (die von Thomas Zehetmair).

Radio Brandenburg war ein Programm für Leute genau wie mich – die sich noch jung fühlten, aber mit ungefähr dreißig nicht mehr dasselbe hören mußten wie mit zwanzig, welche, die schon mehr gesehen und schätzen gelernt hatten als Popmusik und Popkultur, die neugierig waren auch auf anderes. Klar gab’s da auch viel Popmusik, Rock und Blues, auch mal ABBA, all das Zeug, mit dem wir aufgewachsen sind. Aber auch mehr, neueres und älteres, Musik und Themen, die den Horizont erweitern.

Radio Brandenburg war nicht nur selbst intelligent, sondern hat auch seine Hörer dafür gehalten. Vielleicht ist das der größte Gegensatz zu den Jugendradios, die ich gehört habe: Die Radiomacher bei Radio Brandenburg hielten sich nie für intelligenter als ihr Publikum. Das zeichnete sie vor allem anderen aus.

Dann kam Helmut Lehnert. “Urgestein der Berliner Radio-Szene” nennt ihn die Morgenpost. Er war voher Musikchef bei SFB 2, hat “Radio 4U” gegründet und “Fritz”. Er stieg zunächst als Chefredakteur von Radio Brandenburg ein. Sehr bald aber kam die Nachricht, daß Radio Brandenburg einem anderen, neuen Programm weichen sollte: Radio Eins.

Kurz vor der Umstellung war schon einiges an Befürchtungen von Radio-Brandenburg-Hörern laut geworden, die das Verschwinden ihres hoch geschätzten Programms befürchteten. Helmut Lehnert begegnete diesen Befürchtungen in einem Interview: Die Radio-Brandenburg-Hörer sollten sich doch nicht solche Sorgen machen, man werde ihnen ein Programm anbieten, das ihnen gefallen werde. Ich kann ihn noch zitieren, als hätte ich es gestern gehört: “Ich bin nicht zu Radio Brandenburg gekommen, um ein anderes Programm zu machen. Ich bin gekommen, um Radio Brandenburg zu machen.” (Hervorhebung von mir, seiner Betonung entsprechend.)

Er hat mich, und sicher viele andere Radio-Brandenburg-Hörer, bitter enttäuscht. Radio Eins, dem er Radio Brandenburg geopfert hat, ist ein vollkommen anderes Programm, und eins, das die Ansprüche der Radio-Brandenburg-Hörer nicht im geringsten erfüllt. Es ist ein Pop-Dudelfunk mit alberner Moderation, wie es sich bei Radio Brandenburg keiner zehn Minuten lang hätte erlauben können. Auch Volker Wieprecht zum Beispiel, den ich Jahre vor seinem Einstieg ins Radio als oft etwas anstregenden, aber immer originellen und oft sehr witzigen Sprüchereißer und Geschichtenerzähler kennengelernt hatte, fand ich hier bemüht und meist fade. (Schade, Volker! Ich hätte mehr von Dir erwartet.)

Die eigentliche Leidenschaft, ein intelligentes Radioprogramm für ein ebensolches Publikum zu machen, konnte ich bei Radio Eins nicht mehr erkennen. Es hat gedauert, bis ich wieder eine neue Radio-Heimat gefunden habe. Deutschlandradio Kultur (wie es heute heißt) ist es geworden.

Viele Qualitäten von Radio Brandenburg finde ich im Deutschlandradio wieder, die Vielseitigkeit im Musikprogramm, das von der aktuellen Popmusik bis zur Klassik reicht, die Bereitschaft, dem Hörer auch mal eine Wortsendung zuzumuten, die eine Stunde dauert, die unverkrampfte Ernsthaftigkeit, nicht nur politische Nachrichten kurz, sondern auch gesellschaftliche Themen ausführlich zu behandeln. Nur die unbefangene Freude an all dem, der unverhohlene Spaß an der Sache, der die Macher von Radio Brandenburg auszeichnete, den finde ich hier nicht so wieder.

Radio Eins und Helmut Lehnert haben mir ein Stück geliebte Heimat genommen. Das nehme ich persönlich übel, immer noch, auch wenn es jetzt zehn Jahre her ist.