Hans-Rosenthal-Platz, 10825 Berlin
4 von 5 Punkten
Vermutlich hatte ich einfach zu lange Radios ohne Stationstasten. Auf jeden Fall habe ich die Fertigkeit, beim Radiohören den Sender zu wechseln, nie richtig erworben.
Außerdem habe ich eine sehr geringe Toleranz gegenüber Radiowerbung. Als ich die erste hörte, bei einem Besuch etwa 1986, vermutlich auf Radio Schleswig-Holstein, konnte ich mir nicht vorstellen, daß jemand so einen Unsinn ernst meint. Daran gewöhnt habe ich mich immer noch nicht, und ich will es auch nicht.
Diese beiden Gründe führen dazu, daß ich sehr wählerisch bin bei der Auswahl “meines” Radioprogramms. Ursprünglich, als ich nach Berlin kam, war es SFB II, deutlich später Radio Brandenburg mit, unter anderen, dem wunderbaren Lutz Bertram. Ich genoß, wie entspannt, mit sichtbarer Freude, aber doch vollkommen seriös ein komplettes Radioprogram gemacht werden konnte. Das war für mich geradezu ein Idealbild von Hörfunk.
Dann wurde vor 10 Jahre Radio Brandenburg zugunsten von Radio Eins (siehe meinen Beitrag dort) dahingemeuchelt, eine Tat, die ich Helmut Lehnert und, unfairerweise, Radio Eins nie verziehen habe. Also mußte ich mich neu orientieren.
Nach einigem Suchen bin ich beim Deutschlandradio geblieben, genaugenommen Detuschlandradio Kultur, damals Deutschlandradio Berlin. Hier finde ich vieles wieder, das ich bei Radio Brandenburg so geschätzt habe:
Ein gemischtes Programm mit viel Information und Musik; ein Musikprogramm, das nicht nur – manchmal – die größten Hits der siebziger, achtziger und neunziger Jahre spielt, sondern auch die des siebzehnten, achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts; ein sehr aktuelles Informationsprogramm, das mich vor allem morgens kompakt und umfassend informiert, aber auch viel Hintergrundinformation bietet und dabei auch vor einer Stunde Wortbeitrag nicht zurückschreckt; sympathische Moderatoren, die ihren Hörern eine ebensolche Intelligenz, Medienkompetenz und Bildung unterstellen, wie sie selbst haben; Präsentation neuer Musik auch abseits des Mainstream; und vieles, vieles mehr, was in meinen Augen ein gut gemachtes und seriös unterhaltsames Radioprogramm ausmacht.
Was mich an manchen anderen Sendern so nervt, findet sich hier nicht: blödsinnige Gewinnspiele mit Hörerbeteiligung, Werbung, ewige Wiederholung der gleichen Dudelpopmusik, Moderatoren, die ihre Hörer für beschränkt halten und sich für die Quote zum Affen machen, usw. usf.
Deutschlandradio Kultur ist schon ausgesprochen gut. Es ist nicht ganz der Pep, der Esprit da wie früher bei Radio Brandenburg, nicht diese spontane Freude, die bei aller Seriosität manchmal auch ein wenig subversives und Freude am intelligenten Schwachsinn durchscheinen ließ. Dafür ist Deutchlandradio zu etabliert, zu behördlich. Aber es ist immer sehr hörbar, informativ, unterhaltsam, interessant, sympathisch, und vor allem nervt es nur ganz selten.